Matthäus - Passion, warum szenisch?

Martin Ehlbeck

Ich bin mit der Matthäus - Passion groß geworden. Gemeinsam mit meiner ganzen Familie hörte ich sie im Radio oder aber wir gingen in der Karwoche ins Konzert. Es existierte zu Hause eine bald völlig abgespielte Schallplatte, die ich häufig und gern hörte und an die ich mich genauso gut erinnere wie an viele Live - Übertragungen der Matthäus -Passion im Fernsehen. Die Musik war schon früh in meiner Kindheit ein Teil von mir geworden. Und ich war mir durchaus klar darüber, dass das Stück für mich wichtig ist.

Als damals jugendlicher Mensch, der sich noch nicht theoretisch oder praktisch mit der Matthäus - Passion auseinandersetzte, sondern nur als Hörer, versetzte mich das Anhören immer in einen bestimmten Gefühlszustand, an den ich mich heute gut erinnere und in den ich mich durch das wiederholte Hören gern versetzen wollte.

Heute weiß ich (wie jeder andere Musiker auch), dass die intensive analytische oder musikalisch - praktische Beschäftigung mit der Musik Empfinden beeinflusst, ändert oder vertieft. Musikerlebnisse verändern sich auf diese Weise manchmal schnell.

In meiner Jugend lernte ich dann plötzlich eine andere Gedanken- und Gefühlswelt zur Matthäus - Passion kennen. Sie resultierte nicht aus Analyse der Musik oder dergleichen. Sie wurde ausgelöst durch den Pasolini-Film „Das erste Evangelium - Matthäus". Dieser Film schildert die Passionsgeschichte Jesu. Bachs Matthäus - Passion spielt hierbei eine zentrale Rolle: der Film ist nach dieser Musik gestaltet und geschnitten. Bachs Musik bekam nun Bilder. Das war mir neu und interessierte mich brennend.

Der Bach - Forscher Philipp Spitta hat sicherlich Recht, wenn er die Matthäus - Passion als geistliche Oper einordnet, bei der sich Bühnenbilder allerdings nur in der Fantasie der Zuhörer als imaginäres Theater ergeben. Letzeres folgt quasi natürlich aus der Musik und dem zugehörigen Textbuch von Picander. So bekamen damals meine Imaginationen beim Anhören der Matthäus - Passion neue Impulse durch Pasolinis Film.

Diesen Zusammenhang erlebte ich später wiederholt ganz deutlich als ich zum einen 1982 John Neumeiers Matthäus - Passion als Tanztheater in der Hamburger Michaelis - Kirche miterlebte zum anderen 1995 Christoph G Amrheins erste Inszenierung der Matthäus - Passion in der Lübecker St. Aegidienkirche sah, und als ich schließlich Götz Friedrichs szenische Gestaltung in der Deutschen Oper Berlin in diesem Jahr besuchte.

Unsere Matthäus - Passion in der Herrenhäuser Kirche ist so angelegt, dass sich für den Kenner des Werks neue und andere Bilder ergeben, die zunächst von der Musik wegführen, um dann wieder zu ihr zurückzukeh¬ren. Dem Hörer hingegen, der das Werk nicht so genau kennt, wird die Inszenierung Wege zum Verständnis der Musik ebnen.

Das Werk wird durch unseren „Ortswechsel" auf die Bühne nicht beschädigt. Es würde auch nicht in einer Interpretation mit modernen Instrumenten beschädigt werden. Wenn man es mit modernen Instrumenten hört, wird man andere Erfahrungen machen, als mit einem Barockorchester. Alle diese unterschiedlichen klanglichen oder szenischen Eindrücke beleuchten das Werk von verschiedenen Seiten und halten es lebendig.

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