Gedanken während der Inszenierung der Matthäus - Passion

Nach Lübeck 1995 und Bonn 1997 ist die Inszenierung in Hannover Herrenhausen 2000 mein dritter Versuch an Bachs opus magnum. Von Versuch spreche ich, weil die Matthäus -Passion bekanntermaßen kein Musiktheaterentwurf ist. Nach wie vor gilt für mich in diesem Zusammenhang das Wort Götz Friedrichs: "Auch wenn eine Inszenierung der Matthäus - Passion nur halb gelänge, gehörte sie sicher zu den schönsten Abenteuern im Musiktheater." Den ersten Annäherungsversuch meines verehrten Regielehrers kann man seit zwei Jahren in der Deutschen Oper Berlin begutachten. Dass man nicht ohne Grund an eine szenische Umsetzung denken darf, weist der Bonner Bach Forscher Emil Platen nach (auch durch Gespräche mit ihm habe ich meine ersten Berührungsängste überwunden). Schon viele hätten diesen Traum einer Visualisierung der 'schönsten' Musik mit der 'schönsten' Geschichte geträumt. Diese 'schönste' Menschheitsgeschichte von der Erlösung des Mit - Menschen durch des Menschen - Sohn.

Bühnenbild MatthäuspassionWomit ich bei dem bin, was mich neben all den musiktheatralischen, aufführungspraktischen, stilistischen und ästhetischen Aspekten einer szenischen Umsetzung der Matthäus -Passion am meisten interessiert. Es geht um die Frage der Schuldverstrickung und der Erlösung.

Schon vor Beginn meiner Arbeit war mir klar, dass ich mich im besonderen Maße um die Rehabilitierung der drei sogenannten Bösewichter Judas, Petrus und Pilatus kümmern wollte. Im Oratorien - Alltag werden sie von einem Bass - Solisten so nebenbei mitgesungen. Sollte Bach den drei Finsterlingen, dem Verräter, dem Verleumder und dem Feigling, ihrer Charakterschwäche wegen so wenig Töne gegönnt haben? Mitnichten, Bachs Arbeitgeber verlangten ausdrücklich von ihm, dass seine Musik nicht zu "theatralisch herauskommen dürfe". Bach löst das Problem, in dem er die Mehrzahl der großen Solo-Arien und Choräle auf die drei oben genannten Herren bezieht, ohne sie selbst singen lassen zu müssen. Dies ist theatralisch auszubeuten, denn gerade diese drei sind es schließlich, durch die der göttliche Heilsplan in Gang gebracht wird.

Dass die Begegnung mit Judas aufregend würde, war vorauszusehen. Was für eine Sprengkraft in dieser Figur steckt, habe ich erst im Zuge meiner Probenarbeit in Lübeck entdeckt, als mir bei weiteren Recherchen Walter Jens „Der Fall Judas" in die Hände fiel. Jens' rhetorischer Ansatz, dass der sogenannte Verrat kein tragischer Zufall ist, sondern ein Übereinkommen zwischen Jesus und Judas, lässt mich seitdem nicht mehr los. Diesen fiktiven Prozess sowie das daraus entstandene Monodrama führe ich seit 5 Jahren immer wieder auf und bin auf die oft recht intensiven Gespräche hinterher gespannt. Mein Regiekonzept für die Matthäus - Passion ist durch Walter Jens sicher stark beeinflusst.

„Judas ist nichts ohne Jesus, so wie der Schatten nichts ohne das Licht ist, aber Jesus ist auch nichts ohne Judas..." heißt es dort unter anderem. Der Verteidiger des Judas verlangt sogar dessen Seligpreisung, ja letztendlich seine Heiligsprechung.

Nun, was auch immer von diesen spektakulären Ideen in eine Inszenierung der Matthäus - Passion einfließen mag, zu fragen wäre, ob sie die festgefügten Bilder und Vorstellungen im Kopf des Zuschauers überhaupt tangieren können. Immerhin handelt es sich im Gewand einer der himmlischsten Musiken um die prägende Menschheitsgeschichte unseres Kulturkreises.

Bach als „fünfter Evangelist" wird seine Wirkung tun.

Christoph G. Amrhein, Regisseur

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