AUGE um AUGE oder eine BACKE nach der Anderen

Christoph G. Amrhein


“Auch bedenkt, dass ich in allen Werken nie vergesse des Höchsten Macht: was je ich unternahm, begann ich stets mit Gott, des Gunst ich suche in Opfer und Gebet.“

Dies ist einer der zahlreichen Sätze – zudem noch von einem Heiden ausgesprochen – der deutlich macht, worum es Händel und seinem Librettisten Charles Jennens im BELSAZAR geht, nämlich um die „Höheren Werte“ des Menschen. Es liegt ihnen weniger an einer Charakteranalyse, geschweige denn an einer Rehabilitierung des allseits bekannten, in dem biblischen Bericht des Buches Daniel als die Verkörperung des Tyrannen schlechthin dargestellten Königs. Der betreibt sein lästerliches Unwesen so exzessiv, dass man von Beginn an mit seiner Bestrafung rechnen kann (ein psychologisierender Regieansatz könnte ihm eine Art Todessehnsucht unterstellen). Hochmut kommt jedenfalls seit seinem Sturz immer vor dem Fall. Belsazar, der bramarbasierende Titelheld, ist dafür das Paradebeispiel. Er ist sozusagen der negative Katalysator des Verfahrens. Auch sein lauthals beschworener Gott Baal hilft ihm dabei nicht aus der Klemme. Zweieinhalb tausend Jahre später lässt Berthold Brecht, der in moralischen Dingen nicht gerade zimperlich war, seinen „Baal“ sagen: „Alle Laster sind zu etwas gut./ Und der Mann auch, sagt Baal, der sie tut./ Laster sind was, weiß man was man will./ Sucht euch zwei aus: Eines ist zu viel!“

Im Gegensatz zum lauten Gotteslästerer Belsazar tritt ruhig und bescheiden ein Mann namens Cyrus in das Zentrum der Oratorienhandlung, dem man schwerlich ein Laster anhängen kann. Von ihm stammen übrigens die einleitenden hohen Worte. Cyrus ist offensichtlich und ohrenkundlich der Sympathieträger seiner nachschöpfenden Autoren. Nicht ohne Grund, denn Cyrus, der persische König, hat einen von Geschichtsschreibern und biblischen Propheten gleichermaßen positiv beschriebenen historischen Doppelgänger. Der schlimme Belsazar dagegen taucht mehr oder weniger nur beim Propheten Daniel auf. Er ist womöglich dessen eigene Erfindung und weist insgesamt recht plakative, typisierende und legendenhafte Züge auf.

So gehen auch die großen theatralischen Wirkungen des späten Händelschen Meisterwerkes vom Schlachtenlärm aufeinander einschlagender Völkerstämme aus, vom rasanten Wechsel grandioser Schauplätze, von den raffiniert erzählten und ausgeführten Kriegslisten. Dramaturgisches movens ist die in ihrer Bedingungslosigkeit schon beeindruckende Egomanie des Titelhelden.

Vor dem inneren Auge lässt sich der pittoreske Bilderbogen wunderschön abwickeln. Beispielsweise reizte einst den Regisseur Harry Kupfer am BELSAZAR gerade das Drama der drei großen Völkerschaften ganz besonders. Ist man als Inszenator also nicht geradezu gezwungen, all das theatralisch umzusetzen?
Ich denke nein, zumindest nicht in der Kirche.

Es geht hier nicht darum, dass uns für die werkimmanenten Verwandlungen (sieben! verschiedene Schauplätze), für drei unterschiedliche Chor-Gruppen als Juden, Babylonier und Perser (Kostümschlachten!) Menschen und Material, oder einfach das Geld fehlen, sondern um die Binsenweisheit, dass es bei den meisten Oratorien in erster Linie um spirituelle Inhalte geht. So kann aus diesem schlichten Grund die szenische Gestaltung in einem sakralen Raum dem illusionistischen Aufwand einer bürgerlichen Schaubühne sogar überlegen sein und die Herrenhäuser Kirche stellt mit ihrer prächtigen Innenausmalung zweifellos den idealen Rahmen für BELSAZAR dar.

Im Mittelpunkt der spirituellen Auseinandersetzung steht der Zusammenprall des alten, reichlich derb erscheinenden Gottes Baal – nahezu deckungsgleich repräsentiert durch Belsazar – mit dem dagegen eher vage umrissenen, wenn auch vielfältig und wortreich beschworenen Gottesbild Jehovas. Die Hauptrepräsentanten sind für letzteren der beredte Prophet Daniel (der Eingebung seines biblischen Vorbildes haben wir das ganze Drama zu verdanken) und die optisch und akustisch mit ihren zahlreichen Chören sehr eindrucksvolle Gruppe der gefangenen Juden.

Eine besondere qualitative Steigerung erhält die dialektische Auseinandersetzung durch die Tatsache, dass sich Cyrus, der persische Fürst, und mit ihm im Bunde Nitocris, ausgerechnet die Mutter Belsazars – beide durch ihre Herkunft deutlich als Heiden ausgewiesen – am Ende des Stückes definitiv zu dem neuen Glauben bekennen. Die höchst raffinierte Wendung: beide bekunden mit ihrer freien, aus innerer Überzeugung getroffenen Entscheidung den Inhaltsreichtum, die Kraft und nicht zuletzt das Geheimnis der neuen Botschaft. Nicht zufällig gehörten die meisten Librettisten der Händelschen Oratorien dem geistlichen Stand an (Charles Jennes stellte z.B. auch den Text für den „Messias“ zusammen).

Nitocris und Cyrus sind Zeugen dafür, dass die althergebrachten Gottheiten der Genussfreuden, des hemmungslosen Auslebens instinktiver Bedürfnisse und Neigungen, die auch vor dem Persönlichkeits- und Lebensrecht Andersdenkender und Andersgläubiger nicht Halt machten, eines Tages ausgespielt haben.

Die beiden Heiden leben mit Wort und Tat ihre Erkenntnis vor, dass für Jehova, der ihnen „nur von fern bekannt war“, Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung die wichtigsten Güter des Menschen sind. Denken und fühlen so ungläubige Barbaren? „Tyrannen nur bin ich ein Feind, dem Recht und seinen Freunden Freund“. Mit dieser doch recht knappen Rechtfertigung des Tyrannenmordes kann Cyrus seine heidnische Abstammung immerhin nicht ganz vergessen machen.

Die Komplexität dieses Themenkreises war den Schöpfern des BELSAZAR nicht unbekannt. Zweihundert Jahre vorher treibt Shakespeare seinen Hamlet unter anderem auch deswegen in den Wahnsinn, und ein paar Jahrzehnte nach BELSAZAR macht sie den Schillerschen Wilhelm Tell fünf Akte lang zum einsamsten Menschen der Welt.

Nun, unsere beiden Autoren sind Opernpraktiker. Sie wollen eine spannende Geschichte erzählen und je komplizierter die Konflikte ihrer Helden sind, desto besser. Dabei vertrauen sie voll auf den Veredelungseffekt durch die Wort-Ton-Kombination, wie sie eben nur Musiktheaterwerken eigen ist. Dabei hätten sie jeden Verdacht von Cyrus wenden können, wenn sie konsequent dem biblischen Propheten Daniel gefolgt wären, der keinen bestimmten Täter nennt. Eine neuere angelsächsische Werkausgabe macht Gobrias zum Rächer Jehovas und seines Sohnes, weil Belsazar diesen auf dem Gewissen hat! Heinrich Heine lässt in seiner berühmten Ballade den Übeltäter gar von seinen Knechten umbringen (die sozialrevolutionäre Variante des 19. Jahrhunderts?!).

Belsazars Leben und Tod bleiben legendär. Aber wie auch immer, Cyrus ist jedenfalls derjenige, der die kühnsten menschlichen Visionen entwirft. Joachim Herz, ein Händel-Spezialist aus der Schule des Musik-Theater-Erneuerers Walter Felsenstein, nennt es dessen „überlegene Humanität“.

Ausgehend vom historischen König Cyrus, der tatsächlich die versklavten Juden nach der Eroberung Babylons in Frieden nach Hause geschickt haben soll – was sicher nicht dem üblichen Verhaltensmuster damaliger Potaten entsprach – trägt der oratorische Cyrus vor allem durch die Textgrundlage von Charles Jennes fast aufklärerische Züge. Er erweist sich damit als das Produkt seiner Zeit, als der Herzbube aus der Feder seiner beiden Nachschöpfer. Durch sie wird er zum außerordentlich differenzierten, vielleicht sogar etwas zwiespältigen Charakter. Das Spektrum seines Temperaments reicht von dezent angedeutetem hamletschen Zögern über ein stark ausgeprägtes Mitgefühl für Schwache und Leidende bis hin zum energischen Zupacken des heroischen Tatmenschen.

Mit seiner kriegerischen Trompeten-Arie treibt er es für meinen Geschmack auf die Spitze. Allerdings entwickelt er gerade in dieser etwas reißerischen Musik auch die eher philosophischen Gedanken, dass das Reich des Todes zerfällt und dass „Kampf und Schlacht am Ziel“ seien. Ob sich Händel und Jennes da nicht ein wenig in die Haare geraten sind?

Trotzdem, der Geist der Aufklärung weht spürbar durch eine alte Geschichte, in der exemplarisch vorgeführt wird, dass der überkommene Gott der Rache und die hybriden Machthaber auf Erden mit den harschen Prinzipien „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ ihren Einfluss verlieren (was ja mancher auch heute noch für Utopie hält).

Der konservative Vertreter dieses alttestamentarischen Prinzips bleibt der Prophet Daniel, der keine andere Möglichkeit sieht, als mit kämpferischen Mitteln die Gefangenschaft seines Volkes beenden zu können, und dabei voll auf Cyrus als Kriegsmann setzt. Cyrus aber und nicht zuletzt Nitocris erweisen sich als die Protagonisten eines neuen Geistes. Sie sprengen sogar noch die üblichen Rollenbilder. Mit ihrem Sohn spielt Nitocris die revolutionierenden Ideen sozusagen auf menschlicher Ebene durch (packend das Streit-Duett, in dem auch Belsazar eine ganz menschliche Figur wird; Freud hätte seine Freud’ dran). Mit ihrer Auftrittsarie liefert sie darüber hinaus eine äußerst hellsichtige, geradezu visionäre Analyse über menschliches Machtgehabe. Shakespeare lässt grüßen.

Wenn Cyrus der Herzbube seiner Schöpfer war, dann ist Nitocris die Herzdame, womit sie sich nahtlos in die imposante Reihe starker Frauengestalten im Schaffen Händels einreiht. Denn sie übernimmt auf Cyrus’ Wunsch hin – nach dem jähen Ende Belsazars – die Herrschaft in Babylon, was natürlich historisch betrachtet einfach falsch ist. Und schließlich, ziemlich rührend: die Mutter nimmt den Mörder ihres Kindes als neuen Sohn an. Von da an ist es wirklich nicht mehr weit bis zur etwa fünfzig Jahre späteren Zauberflöten-Utopie „Mann und Frau, und Frau und Mann, reichen an die Gottheit an“. Unsere beiden Aufgeklärten sind also ihrer Zeit weit voraus.

Gut 600 Jahre vor dem babylonischen Exil stieg Moses mit den Gesetzestafeln vom Berg Sinai herab. Das Prinzip „Auge um Auge / Zahn um Zahn“ etablierte sich. Und nach dem Machtwechsel in Babylon dauerte es wieder knapp 600 Jahre, bis in Judäa einer auftauchte, der wie Cyrus nicht nur Mitleid mit Sklaven hatte, sondern eine allumfassende Nächstenliebe propagierte, deren bedingungsloseste Version die Feindesliebe ist.

Und wie es die Art dieses Mannes war, hat er seine Ideen nicht nur vorgelebt, sondern auch sprachlich auf den Punkt gebracht (Matthäus 5/38):
„Ihr habt gehört, dass da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch da".

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